Warum alle Medien gendern sollten

Am 8. Juni bespricht der Rat der Deutschen Rechtschreibung erstmals „geschlechtergerechtes Schreiben“. Die Genderdiskussion unter Journalist*innen ist längst überfällig. Ein Kommentar

„Das Sternchen ärgert mich“, schreibt Axel und landet in meinem Unterordner Gendern im Postfach Kritik. Da liegen auch schon Christian, Matthias, Robert und viele andere Leidensgenossen. Die Herren ärgern sich, dass ze.tt als erstes kommerzielles Onlinemagazin in Deutschland nahezu von Beginn an mit * gendert. Wir werden oft dafür kritisiert, aber uns geht es gut mit Sternchen.

„Was soll dieser Sternchenscheiß?“

Der „Sternchenscheiß“ soll, dass alle User*innen sich beim Lesen unserer Artikel oder beim Schauen unserer Videos angesprochen fühlen. Alle – auch die, die sich weder als Mann noch als Frau verstehen oder als Mann und Frau. Gleichberechtigung sollte in Sprache gegeben sein, damit sie in der Gesellschaft stattfinden kann. Eine Sprache, die nur Männer meint, kann keine gerechte Sprache sein.

Als Journalist*in sollte es mein Anspruch sein, alle meine User*innen erreichen zu wollen, ihre Vielfältigkeit anzunehmen, nicht nur zu akzeptieren. Wie schaffe ich das, wenn in einem Text etwa nur von Wissenschaftlern oder Feministinnen die Rede ist? Ich sollte den Leser*innen schon klarmachen, wer etwa an einer Studie oder einer Sexismusdebatte beteiligt war.

Eine Sprache, die nur Männer meint, kann keine gerechte Sprache sein.“

Wer Dinge verändern möchte, muss manchmal an der Wurzel bohren, damit neue Blüten blühen. Die Sprache ist die Wurzel des Journalismus. Doch der tut sich schwer mit geschlechtergerechter Sprache.

Sprache ist Gewöhnung

Das tägliche Nachdenken darüber, welche Geschlechter in einem Text tatsächlich gemeint sind, führt zu einer Erwartungshaltung. Nämlich der, dass man von Verfasser*innen von Beiträgen erwartet, vermittelt zu bekommen, um was für Menschen es genau geht. Jede*r, der*die schon länger bei ze.tt arbeitet, bemerkt beim Lesen anderer Texte eine Veränderung seines*ihres Leseverhaltens. Nun sind wir keine Wissenschaftler*innen, die das empirisch erforscht hätten, aber Redakteur*innen, die jeden Tag ihr * setzen.

Wer war wirklich alles beim Panel dabei; nur Politiker? Oder auch Politikerinnen?“

Je öfter man das macht, desto mehr wundert man sich darüber, dass andere es nicht machen. Wir fragen uns beim Lesen anderer Texte: Wer war wirklich alles beim Panel dabei; nur Politiker? Oder auch Politikerinnen?

Sprache hat einen großen Einfluss darauf, wie wir denken. Sie erzeugt Bilder in unserem Kopf, die Gedachtes in Zusammenhänge setzt. Wenn Sprache also nur das generische Maskulinum benutzt, denkt man auch eher auch nur an Männer.

Das Sternchen als Interessenkonflikt?

Die Frage um das Sternchen ist auch ein Kampf verschiedener Weltanschauungen: Derjenigen, die „Frauen und andere stets mitmeinen“, wenn sie vom generischen Maskulinum Gebrauch machen, sich aber weigern, sie auch mitzunennen, weil sie sich sonst etwa im „Lesefluss“ gestört fühlten. Und derjenigen, die, aus einer feministischen Perspektive heraus, den Wandel in der Sprache für notwendig halten, um einen Wandel in der Gesellschaft herbeiführen zu können.

Aus zwei Jahren Gendern bei ze.tt und Kommentaren auf diversen Kanälen hierzu, lässt sich in Bezug auf die Arbeit unserer Redaktion Folgendes rückschließen: Zorn und Ablehnung erreichte uns zu einer übergroßen Mehrheit von eher älteren Usern. Lob und Zuspruch erhielten wir von eher jüngeren Userinnen.

Sprache ist nichts Festgeschriebenes, Sprache wandelt sich. Das merken wir daran, dass wir mittlerweile Wörter wie „googeln“ wie selbstverständlich benutzen oder den Dativ schon seit Jahrzehnten immer mehr den Genitiv verdrängen lassen. Das juckt kaum jemanden. Geht es aber darum, sich in der Sprache einem Zeitgeist anzuschließen, der, nicht zuletzt durch die Digitalisierung, auch alle Minderheiten sichtbar macht, wird das Sternchen zum Politikum.

Die Regeln, auf die sich dabei die einen berufen, haben die anderen noch nicht. Ihnen fehlt bislang das Argument der einheitlichen Grammatik. Das muss kein Hindernis sein.

Gendern macht kreativ

Gendern heißt experimentieren. Es gibt zwar verschiedene Empfehlungen zur Nutzung einer geschlechtergerechten Sprache (siehe Informationen am Ende des Artikels), eine Anleitung gibt es aber nicht. Das bringt Journalist*innen und andere, die sich täglich mit Sprache auseinandersetzen, schnell an ihre Grenzen. Ja, es ist mühsam, alle in ein paar Buchstaben einschließen zu wollen.

Gendern heißt auch Haltung zeigen. Hat man sich als Medium dafür entschieden, alle Geschlechter ansprechen zu wollen, muss sich die Redaktion überlegen, wie die alltägliche Umsetzung gelingen kann. ze.tt hat sich hierzu zunächst in einem Workshop darüber Gedanken gemacht, wie wir gendern könnten. Herausgekommen ist ein Styleguide, der sich seit zwei Jahren weiterentwickelt.

Gendern heißt auch Haltung zeigen.“

Hierin ist unter anderem festgeschrieben, dass wir jedes Wort, das eine Personengruppe beschreibt und im Duden steht, gendern, aber etwa Partizipialformen den Vorrang vorm Sternchen geben (zum Beispiel Studierende statt Student*innen). Fast täglich stoßen wir auf Wörter, bei denen wir überlegen müssen, wie wir sie geschlechtergerecht gestalten. Gendern ist harte Arbeit. Auch nachdem ein Text veröffentlicht wurde.

Klar ist es einfacher, alles beim Alten zu belassen, als jeden Tag mindestens eine Hassmail wegen eines Sternchens zu beantworten. Es hieße aber auch, im Gestrigen zu verharren und unserer Sprache zu verwehren, zumindest zu versuchen, sich dem Wandel unserer Gesellschaft anzupassen.


Dieser Kommentar erschien zuerst am 01. Juni 2018 bei ze.tt.

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