Ostdeutschland

Ich bin im September 1987 in Rostock geboren. Das Erste, woran ich mich erinnern kann, was sich für mich als Kind nach der Wende änderte, ist, dass die Brötchen beim Bäcker teuer wurden und der Sandmann auf einem anderen Sendeplatz lief. Was es tatsächlich für mich bedeutet, ostdeutsch zu sein, begriff ich erst später – und lerne es immer noch.

In meiner Arbeit fokussiere ich mich darauf, für ein verbessertes Miteinander von Ost und West einzutreten. Hierbei beschäftige ich mich mit ostdeutscher Elitenbildung, Ossis in den Medien (als Redakteur*innen, als Bestandteil der Berichterstattung, Ostquote usw.) und Ostdeutschland im gesellschaftlichen und kulturellen Spannungsfeld zwischen den ehemaligen sogenannten Ostblockstaaten und Westeuropa.

Der Begriff „Wiedervereinigung“ wird inhaltlich meist so definiert, dass er oft der Frage gleich kommt: Wann ist der Osten endlich genauso wie der Westen?

Ich denke, dass wir auch 30 Jahre nach der Wende noch immer nicht ganz wiedervereint sind. Das hat vielerlei Gründe, etwa politische: Ostdeutsche arbeiten im Schnitt mehr, verdienen aber weniger und bekommen eine geringere Rente. Sie sind auch deutlich seltener in Führungspositionen von Wirtschaftsunternehmen vertreten. Oder in Universitäten. Oder in Gerichten. Zudem wird der Begriff „Wiedervereinigung“ inhaltlich meist so definiert, dass er oft der Frage gleich kommt: Wann ist der Osten endlich genauso wie der Westen? Wann sind die Ossis vollkommen assimiliert? Hier wird aus einer westzentrierten Sicht gefragt, die davon ausgeht, dass sie die Norm ist.

Zudem gibt es kaum ostdeutsche Rolemodels – erfolgreiche Ossis, die in der Öffentlichkeit auch als Ostdeutsche präsent sind bzw. sein wollen. Das ist ein Problem für die Identifikation derer, die sich als Ossis verstehen und was vor allem Westdeutsche kaum nachvollziehen können. Jedoch, wenn die eigene Perspektive und das, was dich im Leben ausmacht, in der öffentlichen Wahrnehmung keine Rolle spielt, wenn das, was dir wichtig ist, nicht stattfindet, dann fühlst du dich nicht gesehen. Das geht im schlimmsten Falle von Seiten des Westens mit Überheblichkeit und Unverständnis einher und hat im Osten Frust und Wut zur Folge.

Wenn die eigene Perspektive und das, was dich im Leben ausmacht, in der öffentlichen Wahrnehmung keine Rolle spielt, wenn das, was dir wichtig ist, nicht stattfindet, dann fühlst du dich nicht gesehen.

Auch in den Medien spielen Ostdeutsche eine untergeordnete Rolle. Sowohl in den Redaktionen großer überregionaler Medien als auch in der Berichterstattung kommen sie kaum vor. Wenn über Ostdeutschland berichtet wird, dann zumeist in einem negativen Zusammenhang – „Rechtsextremismus“ und „Armut“ sind oft Hauptthemen. Kunst und Kultur kommen kaum vor. Das führt zu einer einseitigen, pauschalisierenden Darstellung von „Ossis“ in den Medien, die auch dafür sorgt, dass Vorurteile eher bestehen bleiben als abgebaut werden.

Die Fragen, die mir in Interviews zu Ostdeutschland am häufigsten gestellt werden:
  • Fühlen Sie sich ostdeutsch?
  • Warum ist der Osten rechts?
  • Denken Sie, dass wir wiedervereint sind?
  • Warum jammern die Ossis immer?
  • Ist das wirklich noch ein Thema, Ost und West?

Auch anhand dieser Fragen lässt sich der Einschlag der Berichterstattung über Ostdeutschland erkennen. Besonders von September bis Anfang November boomt die „Ostsaison“; dann, wenn sich Mauerfall und Einheit jähren. Viel wird auch gefragt und mal „rübergefahren“, wenn Landtagswahlen anstehen. Dabei wirken weder eine Jubiläenberichterstattung oder mal eine Stippvisite “ da drüben“ – fast wie ein Zoo-Besuch -, authentisch.

Um den Blick auf „den Osten“ zu weiten, habe ich bei ze.tt bereits 2018 ein eigenes Ostdeutschlandressort gegründet, in dem wir Geschichten abseits von Wahlen und Neo-Nazis erzählen. Oft scheint es vor allem für westdeutsche Journalist*innen eine verstörende Vorstellung zu sein, über die vormalige Stasi-Diktatur auf popkulturelle Weise zu berichten; aber es geht.