#hartaberfair? – Moderne Debatten brauchen keinen Fernseher

hartaberfair_finalDas Öffentlich-Rechtliche-Fernsehen überlässt die Diskussionskultur dem Netz. Einfach so.

Dass Diskussionen nicht aufhören müssen, weil die Sendezeit einer fragwürdigen Fernsehaufzeichnung vorbei ist, zeigt die rege Netzbeteiligung zu „hartaberfair“. Die Talkrunde um Altherren-Moderator Frank Plasberg diskutierte am Montagabend unter dem Motto: „Nieder mit den Ampelmännchen, her mit den Unisextoiletten – Deutschland im Gleichheitswahn?“ zur aktuellen Genderdebatte. Zumindest theoretisch.

Praktisch scheiterte die Sendung sowohl an der Gästeauswahl, als auch an einer objektiven redaktionellen Aufarbeitung des Themas. Dabei wurden groteske Einzelfallbeispiele, wie etwa die Einführung eines Unisexklos in Berliner Behörden oder die einer Ampelfrau auf Deutschlands Straßen, statt wissenschaftlicher Fakten geliefert.

Sowieso wurde es in der Sendung nur dann wissenschaftlich, wenn der Grünen-Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter bedacht innehielt, um die Macho-Thesen des neben ihn sitzenden Wolfgang Kubicki (FDP) abzufedern. Der wiederum wurde durch die Schauspielerin Sophia Thomalla angefeuert, die nicht viel mehr als Liebesbekundungen für den FDPler oder abwertende Zwischenrufe für Netz-Genderin Anne Wizorek zur Sendung beizutragen hatte. Die schlug sich trotz der teils suggestiven Fragen Plasbergs und ihrer konservativen Gegenrednerin, der Journalistin Birgit Kelle, tapfer und erklärte z.B. die Diskriminierung durch Sprachen anhand einleuchtender Beispiele.

Das Fernsehen ist kein Leitmedium mehr

Bei dieser Debatte hatte es den Anschein, dass es gut war, dass die Diskussion die vermeintliche Enge des Studios verließ. Denn nach der Sendung konnten alle, die sonst noch etwas dazu zu sagen hatten, mitdiskutieren. Wie? Auf Twitter – entfacht durch Wizorek und Thomalla. Auf ihren Timelines schrieben sich die beiden Frauen munter hin- und her, was ihnen noch so zu dem Thema einfiel. Dazwischen, alle Follower und Hater, die #hartaberfair mitmischen wollten.

Erst durch diese Breite an Diskussionskultur kam es zu der Debatte, die es durch evtl. zielgerichtetere Moderation und Fragestellung, aber auch besseres Gäste-Casting und Zuschauer-Integration hätte werden können. Doch Plasberg verblasste und zeigte schon durch seine Anmoderation: „Über den Wahnsinn der Welt geht manchmal der Blick verloren für den Alltagswahnsinn, den wir uns hier in Deutschland leisten. Bei uns wird das Verhältnis von Mann und Frau langsam zur Staatsräson“ seine eigene Haltung zu dem Thema. Auch wenn er daraufhin versprach, für den Rest der Sendung parteilos zu sein, blieb „hartaberfair“ zu beliebig, zu behäbig, zu sequentig. Ein Problem, dass das Fernsehen generell hat – dass ihm seine Rolle als Leitmedium abspricht. Es kann nur Ausschnitte und Anstöße liefern, das Netz kann mehr.

Twitterverlauf_Wizorek+Thomalla

Ausschnitt aus dem Twitterverlauf zwischen Sophia Thomalla (@ThomallaSophia) und Anne Wizorek (@marthadear).

Würde man sich bei den Öffentlichen Rechtlichen seine riesige Reichweite, die das Fernsehen ja immer noch hat, zu Nutze machen, könnte man den Stein des Anstoßes nicht nur geben, sondern auch nach der Sendung weiterrollen. Die „hartaberfair“-Redaktion bot dafür lediglich ein Gästebuch. Ein Gästebuch? Ernsthaft? Gästebücher sind wie Foren auf 90er-Seiten, wer nutzt so etwas, um moderne Debatten zu führen? Die Einweg-Kommunikation ist tot. Zuschauer sind doch längst User, die partizipieren. Tweets, eine begleitete Diskussion mit Instagram-Schnipseln von „Gender-Fotos“ und und und. Nichts nichts nichts. Man ließ sein Publikum nun allein mit der Debatte und verpasste so auch die Chance, weiter Teil von ihr zu sein. Frei nach dem Motto: „Die Sendung ist gelaufen“. Gut, dass durch die beiden jungen Frauen, die sich in ihren Rollen bestens auskennen und diese argumentativ umsetzen, all jene, die noch weiter über das Thema reden wollten, eine Möglichkeiten fanden, das zu tun. Ohne Fernseher. Ohne Moderator. Aber mit Protagonisten.

Bildquelle Titelbild: © blu-news.org

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